Herzogstuhl

Mitten im Wald des Riesenecks, nahe der Jagdanlage, ragt ein ganz besonderes Gebäude aus den Baumwipfeln hervor. Der Herzogstuhl in seiner turmartigen Gestalt ist allein wegen seiner Bauart ein äußerst sehenswertes Wanderziel. Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg ließ ihn nach dem Vorbild des Topplerschlösschens in Rothenburg ob der Tauber errichten. Böse Zungen munkelten seinerzeit von einem Lustschloss, auf dem Ernst diversen amourösen Abenteuern nachzugehen beabsichtigte. Man fabulierte gar von geheimen Gängen und Türen die den unbemerkten Zutritt der Geliebten ermöglichen sollten. Bei genauer Prüfung des Gebäudes kann man auch feststellen, dass eine schmale, gewendelte, steinerne Treppe durchaus in dieser Hinsicht hätte genutzt werden können, da der obere Eingang abdeckbar war und als Toilette getarnt wurde. Auch im Kellerbereich war der Ausgang der Treppe durch einen „Wandschrank“ nicht gleich als solcher erkennbar. Sicher war dieser feuerfeste Notausgang auch eine baupolizeiliche Forderung, da Brandschutz anfangs des 20. Jahrhunderts im Bauwesen kein Fremdwort mehr war. Wer weiter nach Zeugnissen herzoglicher Umtriebe suchen will, der sei an das Schloss in Altenburg verwiesen. Dort befinden sich geheime Gänge zum Zwecke des Einlasses von Geliebten und es soll sogar vorgekommen sein, dass Ernst sich selbst einmal versehentlich in ihnen einschloss. Doch zurück zum Herzogstuhl...

Weshalb er zu Zeiten in denen der Krieg tobte ein solches Gebäude errichten ließ, kann nicht endgültig geklärt werden. Der Urkunde zu Folge, die bei der Restaurierung der Wetterfahne gefunden wurde, hat er sich mit dem Bau des Gebäudes seinen Wunsch nach Frieden und Waldesruhe erfüllt, nachdem er von schwerer Kriegsseuche genesen war. Über die Intensität der Nutzung des Herzogsstuhles ist zurzeit noch wenig bekannt. Da Ernst bis 1943 im Rieseneck jagte, kann aber davon ausgegangen werden, dass er sich gelegentlich im Herzogstuhl aufhielt. Anfang April 1945 nutzten Flak- Soldaten das Gebäude als Versteck und konnten dank der festen Bauweise der amerikanischen Gefangenschaft entkommen. Nach 1945 diente der Herzogstuhl zuerst einem Igelittschuhfabrikanten aus Eisenberg, danach dem FDGB und ab 1954 dem VEB Carl Zeiss Jena als Wanderheim. Im Jahre 1992 schließlich wurde der Herzogstuhl von der Gemeinde Kleineutersdorf erworben und anschließend dem "Freundeskreis Rieseneck" mit dem Auftrag der Erhaltung zur Nutzung übergeben.

Seither wurde viel getan, so dass man dieses wunderschöne Bauwerk heute in voller Pracht bewundern kann.Einmal im Jahr, im Mai zum Muttertag, findet ein Tag der offenen Tür statt, an dem jeder der will, einen Blick ins Innere des charmanten Schlösschens werfen kann. Es lohnt sich auf jeden Fall sehr, einmal die liebevolle und detailreiche Gestaltung des Hauses zu betrachten. Die geschwungenen Geländer des Treppenhauses und die reich verzierten Türrahmen sind nur ein kleiner Teil dessen, was Sie erwartet. Falls Sie den Tag der offenen Tür verpassen sollten, müssen Sie sich aber nicht ärgern. Denn auch wenn die Tür gerade nicht geöffnet sein sollte, ist dieser Ort einen Besuch wert. Allein für das vollendete Fachwerk, die hölzerne Zugbrücke und die Steinmetzarbeiten lohnt sich der Spaziergang durch den Wald schon.

Vor dem Haus erreicht man über eine Steintreppe einen kleinen runden Platz mit einer imposanten Linde, der den besten Blick auf den Herzogstuhl bietet. Von dort aus kann man die Inschriften des Gebälks am besten sehen, wie auch sein "Rieseneck" (der 7-zackige Stern links) und das Konterfei des Kopfes seines Lieblingshundes "Schleich" (rechts). Aus dem geöffneten Mund des sich in der Mitte über der Einganstür befindlichen steinernen Neidkopfes soll beim Hochziehen der Zugbrücke eine steinerne Zunge heraus gekommen sein.

Das Gebäude hat insgesamt acht Etagen, von denen die oberen drei die Schlafräume beherbergen. Die meisten davon sind recht schlicht und schmucklos eingerichtet, einzig das herzogliche Schlafgemach fällt besonders zierreich aus. Über die Jahre kamen sehr viele Einrichtungsgegenstände "abhanden" und nur wenige fanden ihren Weg zurück in den Herzogstuhl. Unter der Schlafetage des Herzogs befindet sich der Gesellschaftsraum, in dem sich auch heute noch ein altes Klavier steht. Von hier aus führt auch die "Geheimtreppe" in den Keller hinab. Unterhalb dieses gemütlichen Zimmers ist eine kleine Küche mit einem Holzofen zu finden, der auch heute noch gern von Vereinsmitgliedern genutzt wird. Es folgt die Etage auf der sich auch die Zugbrücke und die vordere Eingangstür befinden. Ein Stockwerk tiefer befand sich früher die Gesindeküche, heute jedoch hat hier die vor einigen Jahren eingebaute Innentoilette ihren Platz. Die unterste Etage ist eine Art Kellerraum in den die Haupttreppe und die "Geheimtreppe" münden und von der aus man durch eine zwischen zwei Scheintüren verborgene Tür ins Haus gelangt um anschließend die Zugbrücke herunterzulassen zu können.

Zu früheren Zeiten gab es im Herzogstuhl keinerlei elektrisches Licht, doch mittlerweile wurde eine Photovoltaikstromanlage installiert um das Haus (brandsicher) beleuchten zu können. Fließendes Wasser gibt es allerdings auch heute nicht, so dass das Wasser entweder aus der Regenwasserzisterne oder im nahe gelegenen Lenzborn gezapft wird.

Sollten bei Ihrem Besuch die Fensterläden geöffnet und die Zugbrücke heruntergelassen sein, verbringen vermutlich gerade Vereinsmitglieder ein paar erholsame Tage in der Abgeschiedenheit des Waldes und beantworten sicher auch gern die eine oder andere Frage. Bitte haben Sie Verständnis, dass Sie das Haus nicht jederzeit besichtigen können, der nächste Tag der offenen Tür kommt aber ganz sicher.